Artikel aus Frankfurter Rundschau vom 01.03.2016


"Lügentheater" im Autorentheater


Die Wiederkehr der Ausreden
Von Stefan Michalzik

Im Frankfurter Autorentheater handelt ein feines Solo mit Randi Rettel vom öffentlichen Lügen.


Die Zitate sind einem sämtlich geläufig. Worte von Politikern und anderen Protagonisten der deutschen wie internationalen Öffentlichkeit. Allesamt sind sie ob moralischer Entgleisungen ins Straucheln geraten. Die Ehrenwortrede von Barschel, die Ausflüchte Guttenbergs, Wulffs Bekundung, man werde sich ja wohl noch Geld von Freunden leihen dürfen... – sie beteuern ihre Unschuld oder sie behaupten eine Reue, sie äußern sich larmoyant und stilisieren sich zum Opfer einer medialen Hetzmeute, teils in einem aggressiven Tonfall.


Der in der Stadt lebende und bislang vor allem mit Prosa hervorgetretene Schriftsteller Pete Smith hat aus diesem medialen Gut eine Sprechpartitur geschnitten, das Stück „Lügentheater“ ist am Frankfurter Autorentheater herausgekommen, positiv ist als Erstes mal zu bemerken, dass sich der Text wie auch die Inszenierung durch den sich beatnik nennenden Adrian Scherschel eines kabarettistischen Zugs gänzlich enthalten.


Ewige Wiederkehr


Was sich aus der kunstvollen Collage dieser Splitter ergibt, ist eine kleine Studie über den sprachlichen Habitus der öffentlichen Lüge. Ein wesentliches strukturbildendes Merkmal ist die ewige Wiederkehr vieler markanter Sequenzen.


Die Inszenierung ist ungeachtet eines Zusammenspiels diverser Ebenen von Visualität und Klang von einer eher unspektakulären und leisen Art. Dieses Theatersolo für die junge Schauspielerin Randi Rettel ist ein vielstimmiges, zur unmittelbaren Stimme kommt jene aus dem Off, im popvideoschnellen Schnitt sind auf einem Bildschirm Bilder vom Gesicht und seinem Anmalen, dem Sprechen und von Körperteilen zu sehen. Durchweg geht alles ausschließlich auf niemand anders als die eine Spielerin zurück. Vom Normalität behauptenden Parlando bis zu einem kratzig blechernen Ton reicht die Breite der Varianten.


In einem diffusen Dämmerlicht treffen sich Sprache und Bewegungstheater, Einspielungen eines psychedelischen Pop sorgen für eine Aufteilung in einzelne Sätze im musikalischen Sinn. Die Bühne ist kreuz und quer verspannt mit einem Netz aus rot-weißen Absperrbändern, am Ende wird sich die mit einem grauschimmernden Ganzkörpersuit – zunächst samt Maske – angetane Akteurin darin verwickeln.


Das ist eine recht ansehnliche Arbeit. Sie ist schlicht und kompakt, fünfzig Minuten dauert sie bloß. Ein rechtes Maß, das muss derart konzentriert sein. Ein Erkenntnisgewinn ist zu greifen: man hat etwas erfahren über das Wesen des Lügens in der Öffentlichkeit, in einer eher sinnlich ansprechenden als rationalen Weise.


Frankfurter Autorentheater, Brotfabrik: 4., 5., 18., 19. März, 1., 2., 10. April. www.fat-web.de